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Zurück zur Natur – Der Beruf des Landwirts erlebt derzeit eine echte Renaissance

In der Ökoregion Heilbronn-Hohenlohe-Franken findet sich die höchste Dichte an Biohöfen im Bundesgebiet. Getreide-, Obst- und Gemüseanbau sowie Weidetierhaltung habe eine lange Tradition. Bei dem Ziel, nachhaltige Landwirtschaft oder autarke Gärtner-Gemeinschaften in der Gesellschaft noch stärker zu verorten, profitiert die junge Generation von den vielfältigen Fortbildungsmöglichkeiten. Aber auch der nostalgische Anschauungsunterricht kommt nicht zu kurz.

 

Es ist noch gar nicht allzulange Zeit her, da galt der Beruf des Landwirts nicht gerade als „sexy“. Das Bauerndasein wurde vor allem von Großstädtern als körperlich anstrengend und wenig profitabel eingestuft. Die Landflucht setzte ein: junge Menschen und Familienväter zog es in die Großstadt, um den Lebensunterhalt in der pulsierenden Industrie oder im aufstrebenden Dienstleistungssektor zu bestreiten.

Inzwischen wendet sich das Blatt. Vor allem in der biologischen Landwirtschaft gehen gut ausgebildete Junglandwirte neue Wege. Man sieht sich nicht mehr als subventionsabhängigen Massenproduzenten, sondern als Erzeuger hochwertiger Lebensmittel. Im Zeitalter der Nachhaltigkeit ist das Landleben wieder in und Teil einer ganzheitlichen Lebensphilosophie. Man schickt seine Kinder in den Waldkindergarten und sieht in der Selbstversorgung keinen Rückschritt in die Steinzeit, sondern eine gesunde Alternative zur oft sinnentleerten Wachstumsgesellschaft.

Das Einssein mit der Natur und gesunde, oft vegetarische Ernährung stehen dabei im Mittelpunkt. Inzwischen wächst die Zahl an jungen und gut ausgebildeten Landwirten, die danach streben, hochwertige und vor allem nachhaltige Lebensmittel zu erzeugen. Auch immer mehr Akademiker schulen um und werden Bauern, Gärtner oder Selbstversorger.

Eine Pionierfunktion hin zu mehr Bio und Nachhaltigkeit nimmt seit geraumer Zeit die Landwirtschaft in der Region Heilbronn-Hohenlohe-Franken mit ihrer einzigartigen Dichte an ökologisch agierenden Landwirtschaftsbetrieben und Urban-Gardening-Gemeinschaftsprojekten ein. Die Landwirte an den Flüssen Rems, Kocher und Jagst übernehmen dabei nicht nur Gutes, was sich seit Großvaters Zeiten bewährt hat, sondern greifen auch moderne Ansätze und neuen Techniken aus der Agrarwirtschaft auf.

Dabei hilft dem Landwirtschaftsnachwuchs der Umstand, daß es in der Region auffällig viele Möglichkeiten gibt, um sich fortzubilden oder an befruchtenden wie auch kontroversen Diskussionen zu landwirtschaftlichen Brennpunktthemen teilzunehmen. Einige Beispiele:

 

Ökoregion Heilbronn-Hohenlohe-Franken: Kühe auf Weidewiese vor der Kulisse der Comburg. Foto: Andreas Scholz

Ökoregion Heilbronn-Hohenlohe-Franken: Kühe auf Weidewiese vor der Kulisse der Comburg. Foto: Andreas Scholz

Bauernakademie auf Schloß Kirchberg

Eine Anlaufstelle von überregionalem Rang für aktuelle Entwicklungen in der nachhaltigen Landwirtschaftsszene ist Schloß Kirchberg. Oberhalb der idyllischen Jagst hat die gemeinnützige Stiftung „Haus der Bauern“ in historischem Gemäuer ihren Sitz.

Das Akademieprogramm, das der Vorsitzende Rudolf Bühler und seine Mitstreiter jedes Jahr auf die Beine stellen, umspannt fast die komplette Wertschöpfungskette entlang der (ökologischen) Landwirtschaft. Mit der IHK-zertifizierten Weiterbildung zur Fachkraft für Bio-Lebensmittel im Handel wird auf Schloß Kirchberg eine zukunftsweisende Perspektive geboten. Spannende Fragen, wie die Landwirtschaft von morgen oder solidarische Wirtschaftsformen aussehen könnten, werden beispielsweise anhand von zahlreichen Vorträgen im alljährlich stattfindenden World Organic Forum diskutiert.

Im Schloß dürfen sich aber nicht nur hochkarätige Vertreter aus Landwirtschaft und Politik zu wichtigen Agrarthemen äußern. Ein fester Bestandteil der Bauernakademie soll auch die „Slow Food Youth Akademie“ sein. In mehreren Themenwochen lernen Jugendliche unter anderem alternative Anbau- und Verarbeitungsmethoden zur konventionellen Agrarindustrie kennen. Regelmäßig finden auf Schloß Kirchberg Vorträge statt, in denen die Probleme des gegenwärtigen Lebensmittelsystems aufgedeckt und diskutiert werden.

Evangelisches Bauernwerk in Württemberg

Raum und Zeit für hitzige Debatten bietet auch das Veranstaltungsprogramm des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg, das in Hohebuch am Fuße von Waldenburg seinen Sitz hat. Bei Podiumsdiskussionen über den Insektenschwund in der heimischen Kulturlandschaft oder über den umstrittenen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reiben sich Vertreter aus Politik und Forschung mit konventionellen Erzeugern und Biobauern. Interessant für Landwirte sind auch Seminare und Workshops, die sich mit neuen Vermarktungsstrategien für Landwirte durch die Nutzung von Social-Media-Kanälen befaßt.

In praktischen Seminaren lernen angehende Bauern und Bäuerinnen aber auch so bodenständige Fähigkeiten wie das Rückwärtsfahren mit Schlepper und Anhänger.

Das Evangelische Bauernwerk versteht sich auch als ländliche Heimvolkshochschule. Ein Wildpflanzenkurs von Kräuterexpertinnen findet sich daher im Kursprogramm genauso wieder wie kurzweilige Exkursionen durch das Bauernland Hohenlohe. In Hohebuch trifft sich regelmäßig auch ein Arbeitskreis „Agrarpolitik“, der Entwicklungen der aktuellen EU-Agrarpolitik aufgreift.
Ebenfalls in Hohebuch durchgeführt wird der Vorbereitungslehrgang für Meisteranwärter der Landwirtschaft. Geprüft werden die potenziellen Landwirtschaftsmeister in der Nachbargemeinde Kupferzell.

 

Heu- und Strohernte mit Traktoren in der Bioregion Heilbronn-Hohenlohe-Franken. Foto: Andreas Scholz

Heu- und Strohernte mit Traktoren in der Bioregion Heilbronn-Hohenlohe-Franken. Foto: Andreas Scholz

 

Akademie für Landbau und Hauswirtschaft Kupferzell

In der Landbauakademie Kupferzell besteht für Jugendliche mit Interesse an einer Zukunft in der Landwirtschaft beispielsweise eine Ausbildungsoption zum „Staatlich geprüften Wirtschafter für Landbau“. Regelmäßig finden in der Landbauakademie auch Sonderveranstaltungen und Arbeitsprojekte statt.

Im Sommerhalbjahr 2018 gibt es unter anderem ein Arbeitsprojekt, bei dem ein Sorten- und Düngeversuch im ökologischen Maisanbau unter die Lupe genommen wird. Die einzelnen Arbeitsgruppen befassen sich wahlweise auch mit wissenschaftlichen Vergleichen biologischer und ökonomischer Leistungen von Fleckvieh oder untersuchen die Auswirkungen von unterschiedlichen Aussaatstärken und Düngungsmaßnahmen auf die Qualität im Maisanbau.

Landwirtschaftsstudium in der Nachbarregion

An den Kreis Schwäbisch Hall grenzt der Landkreis Ansbach. Eine gute Dreiviertelstunde dauert die Fahrt mit dem Zug von Crailsheim über Ansbach, bis das mittelfränkische Triesdorf erreicht ist. Die Landwirtschaftlichen Lehranstalten Triesdorf sind das Bildungs-Eldorado für alles, was mit Landwirtschaft zusammenhängt. Ob Landtechnik, Pflanzenbau, Saatzucht, Obstbau, Brenner- und Mostwesen, Milchwirtschaft, Fischzucht, Rinder-, Schweine-, Geflügel-, Schaf- oder Bienenhaltung – das Bildungsangebot in Triesdorf ist breit gefächert.

Das Ziel: fundiertes Wissen zu vermitteln und an die landwirtschaftlichen Betriebe weiterzureichen, um eine nachhaltige Landwirtschaft zu fördern. Das Bildungsangebot in Triesdorf wird durch das „Forum für Ernährungsbildung Triesdorf“ (FEBIT) abgerundet. Im FEBIT steht das Anliegen im Fokus, eine gesunde und richtige Ernährung aufzuzeigen, um dadurch positive Effekte sowohl in gesellschaftlicher als auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht zu erzielen. Denn: nur ein gesunder Mensch ist in der Lage, seine Leistung zu bringen und das Bruttosozialprodukt zu steigern 😉

 

Nostalgisches Backofenmotiv an der Außenfassade eines alten Fachwerkhauses: Brot backen besitzt in der Ökoregion Hohenlohe-Heilbronn-Franken eine lange Tradition. Foto: Andreas Scholz

Nostalgisches Backofenmotiv an der Außenfassade eines alten Fachwerkhauses: Brot backen besitzt in der Ökoregion Hohenlohe-Heilbronn-Franken eine lange Tradition. Foto: Andreas Scholz

 

Hohenloher Freilandmuseum

Wie haben eigentlich unsere Vorfahren ohne digitale Technik ihre Produkte vermarktet? Und wie hat der Großvater die Ernte auf den Getreidefeldern ohne große Landmaschinen mit Klimaanlage in heißen Sommern bewältigt?

Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, der wird garantiert im Hohenloher Freilandmuseum in Wackershofen fündig. Es ist immer wieder erstaunlich, wie früher große Getreidefelder mit den einfachsten Mitteln bestellt wurden: im Freilandmuseum in Wackershofen werden nostalgische Landwirtschaftsgeräte vorgestellt und ein eindringlicher Einblick in das einfache Bauernleben der vergangenen Jahrhunderte gewährt.

„Es bleibt was hängen“, wenn der fast 90-jährige Erwin Bühler aus Oberrot in der nostalgischen Museumswerkstatt berichtet, welche Bedeutung der Wagnerberuf bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch für den dörflichen Alltag hatte. Auch Erwin Bühler erlernte zuerst den Beruf des Wagners. Die aufkeimende Industrialisierung nach dem 2. Weltkrieg auch im lange Zeit fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Hohenlohe veranlaßte den Rottäler zu einem Wechsel in die Kaufmannsbranche bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall.

Trotz fortschreitender Technik in der Landwirtschaft wird einem beim Gang über das Museumsgelände oder durch die Kräuter- und Gemüsebeete in den historischen Hohenloher Bauerngärtchen bewußt: sowohl das „alte“ Wissen als auch nostalgische Erntegeräte haben noch längst nicht überall ausgedient!

Ebenfalls lehrreich und informativ sind die Thementage, die während der Museumssaison durchgeführt werden. Auf dem Imkertag läßt sich hervorragend fachsimpeln. Und nach der Prämierung von Weiderindern oder der Präsentation robuster Pferde- oder Schafrassen können bei einem leckeren Hohenloher Blooz und einem Mostschorle leicht Kontakte zu Züchtern gepflegt werden. Schafe und Pferde sind auch im digitalen Zeitalter noch schonende Rasenmäher-Varianten!

Wein- und Landschaftslehrpfade

Auch wer aufmerksam durch das Kocher- oder Jagsttal streift, lernt immer wieder etwas über Landwirtschaftspioniere oder den historischen Obst-, Getreide- oder Weinbau in Hohenlohe dazu. Informativ und wunderschön zugleich ist beispielsweise der Weinlehrpfad in den Weinbergen oberhalb von Ingelfingen. Lehrreich ist ebenso der Bauernlehrpfad rund um Forchtenberg, der auf eine Initiative des Evangelischen Bauernwerks Hohebuch angelegt wurde. Wissenswertes über historische Landwirtschaft erfahren Wanderer auf den zahlreichen Schautafeln, die von Kocherstetten hinauf zum Schloß der Freiherren von Stetten führen.

Pünktlich zum 300. Geburtstag von Johann Friedrich Mayer soll rund um Kupferzell endlich der Pfarrer-Mayer-Radweg eingeweiht werden. Der Pfarrer Johann Friedrich Mayer wirkte nicht nur als Geistlicher, sondern galt auch als Agrarexperte, der die Landwirtschaft in Hohenlohe massiv veränderte.

Lohnenswert ist auch ein Abstecher nach Neuenstein. Im Schloß Neuenstein winkt ein unvergeßlicher Einblick in die Schloßküche aus dem 15. Jahrhundert.

 

Weiterführende Informationen:

Evangelisches Bauernwerk Hohebuch
Web: www.hohebuch.de

Landwirtschaftliche Lehranstalten Triesdorf
Web: www.triesdorf.de

Hohenloher Freilandmusem
Web: www.wackershofen.de

Akademie Kupferzell
Web: www.akademie-kupferzell.de

Schloss Kirchberg – Haus der Bauern
Web: www.schloss-kirchberg-jagst.de


Schloss Neuenstein
Web: www.schloss-neuenstein.de


Pfarrer Mayer Gesellschaft
Web: www.pfarrer-mayer-gesellschaft.de/pfarrer-mayer-radweg

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